„Lebensjahre in Gesundheit – was leistet die Ernährung?“, so lautete der Titel des 56. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) vom 19. bis 21. März 2019 in Gießen. Im Fokus standen altersabhängige Erkrankungen, insbesondere im Bereich des höheren Lebensalters und Fragen nach Möglichkeiten der Prävention durch Ernährung. Hintergrund ist, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft altersabhängige Erkrankungen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Selbst wenn die Geburtenraten höher ausfallen sollten als erwartet und durch Zuwanderung jüngerer Menschen nach Deutschland die Bevölkerungszahlen stärker steigen, wird das voraussichtlich nicht ausreichen, um den demografischen Wandel aufzuhalten.

Fokus demografischer Wandel in Deutschland:
In 20 Jahren steigt der Anteil älterer Menschen um ca. 8 %

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts (Destatis) verändern sich in Deutschland bis 2060 die Anteile verschiedener Altersgruppen in unserer Gesellschaft. Die Berechnungen gehen davon aus, dass die Geburtenhäufigkeit je Frau bei 1,4 Kindern liege. Die Lebenserwartung beträgt bei Mädchen bei ihrer Geburt im Durchschnitt voraussichtlich 88,8 Jahre und bei Jungen 84,8 Jahre. Der Anteil von Menschen über 65 Jahre soll in den nächsten 20 Jahren – von 2019 bis 2039 – voraussichtlich um 8 % steigen. Bis zum Jahr 2060 nimmt der Anteil der über 65-Jährigen um weitere 3 % zu und liegt dann voraussichtlich bei insgesamt 11 %.

Im Gegenzug sinkt in den kommenden 20 Jahren der Anteil der Menschen in der Altersspanne von 20 bis 64 Jahren von 49 % um mehr als 8 %. Insgesamt schrumpft die Bevölkerungsanzahl in Deutschland von 2019 mit 81 Millionen Menschen in den kommenden 40 Jahren um ca. 13,9 Millionen Menschen und liegt im Jahr 2060 voraussichtlich bei ca. 67,6 Millionen Menschen.

Altersabhängige Erkrankungen im Fokus

Die demografische Entwicklung ist daher ein wesentlicher Ausgangspunkt für die DGE, Ernährung in Bezug auf altersabhängige Erkrankungen zu betrachten,auch über den 56. Wissenschaftlichen Kongress hinaus. Zu den altersabhängigen Erkrankungen zählen beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Krebs und neurodegenerative Erkrankungen.

Das DGE-Projekt „Station Ernährung“ von IN FORM in der Gemeinschaftsverpflegung vermittelt beispielsweise DGE-Qualitätsstandards an Kliniken, die mit der Verpflegung von Patienten und Rehabilitanden beschäftigt sind.

Auch ist die DGE beteiligt an den Kompetenzclustern der Ernährungsforschung. Die vier interdisziplinären Cluster Diet-Body-Brain, enable, nutriCARD und NutriAct werden seit 2015 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Das Ziel ist, die Kenntnisse über das Zusammenspiel zwischen Ernährung und Gesundheit zu vertiefen und neue alltagstaugliche Strategien für eine gesundheitsfördernde Ernährung zu entwickeln. Beim DGE-Kongress stellten die Nachwuchsgruppenleiterinnen der Kompetenzcluster ihre Forschung vor.

Die DGE informiert die Öffentlichkeit über den Forschungsstand der Cluster zu Ernährungsfragen und über clusterübergreifende Aktivitäten, wie gemeinsame Fachveranstaltungen und Summer Schools. Außerdem untersucht die DGE in der zweiten Förderphase Kommunikationsstrategien und Medien, die dazu dienen, die 10 Regeln der DGE verhaltenswirksam zu vermitteln.

Schnittstelle Ernährung als interdisziplinärer wissenschaftlicher Austausch

Das Themenspektrum des 56. Wissenschaftlichen Kongresses der DGE war mit mehr als 190 Beiträgen weit gefasst. Die wissenschaftliche Leitung des 56. Kongresses der DGE lag bei Prof. Dr. Gunter P. Eckert und Prof. Dr. Uwe Wenzel. Die Leistung des Kongresses besteht grundsätzlich vor allem darin, dass er Ernährungswissenschaftler*innen und Oecotropholog*innen interdisziplinär die Möglichkeit für einen umfassenden Austausch mit Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Arbeitsbereichen bietet.

Spannende Frage nach dem Zusammenhang von Prävention und Ernährung

Dazu zählt beispielsweise auch die Gerontologie, die wissenschaftlich begründete Alterskunde. Sie beschäftigt sich mit den körperlichen, seelischen und sozialen Vorgängen des Alterns. Ein Teil davon ist der Bereich der Biogerontologie. Er erforscht Ursachen biologischen Alterns, altersbedingte Veränderungen im Fettstoffwechsel, Immunabwehr, Entzündungen oder auch Abbau von Muskelmasse, wie Sarkopenie.

Prof. Eckert, Leiter der Professur Ernährung in Prävention und Therapie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, erklärt, dass sich die Körperzusammensetzung im Alter ändert. „Die fettfreie Körpermasse nimmt ab, es kommt zu einer Umverteilung des Körperfetts ins Körperinnere, aber auch die Knochenmasse und der Körperwassergehalt nehmen ab. Mit fortschreitendem Alter ist außerdem ein Abbau von Muskelmasse und Muskelkraft zu verzeichnen. Damit einher gehen funktionellen Einschränkungen“, so Eckert.

Besonders spannend ist für Ernährungswissenschaftler*innen daher auch die Frage nach Prävention. Lassen sich Alterungsprozesse durch Lebensmittelinhaltsstoffe, Lebensmittel oder das Essverhalten positiv beeinflussen und wenn ja, wie?

Ketone und der Energiestoffwechsel des Gehirns im Alter

Der Plenarvortrag von Prof. Dr. Stephen Cunnane, University of Sherbrooke, Kanada, beschäftigte sich beispielsweise mit dem Energiestoffwechsel des Gehirns im Alter. Cunnane ging der Frage nach, ob Ketone das Fortschreiten von Alzheimer verlangsamen können.

Ketone bilden sich nach der Entleerung der Glykogenspeicher, das sind in den Zellen verschiedener Organe gespeicherte Kohlenhydrate. Die dabei freigesetzten freien Fettsäuren führen zur Bildung von Ketonen wie β-Hydroxybuttersäure, Acetoacetat und Aceton. Ketone eignen sich beispielsweise als Energiequelle für das zentrale Nervensystem, wenn nicht ausreichend Glucose (als Energiequelle) vorhanden ist. Ein chronisches Energiedefizit des Gehirns ist ein wichtiges Präsymptom für diese Krankheit.

Cunnane spricht sich dafür aus, diesem Aspekt bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Hypothese Hormesis – warum ist das für Biogerontologen ein Thema?

Inwieweit geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen positive Wirkungen auf Organismen haben können, betrachtete Prof. Dr. Vittorio Calabrese von der Universität Catania, Italien. Die Hormesis beinhaltet die Anpassungsfähigkeit, endogene und umweltbedingte Einwirkungen durch toxische Substanzen zu neutralisieren und damit das Überleben zu steigern. Lebensmittelinhaltsstoffe wie Polyphenole wirken ebenfalls über hormetische Prozesse auf den Körper ein.

Anhand hormetischer Ansätze stellte Calabrese Perspektiven und Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Qualität des Alterungsprozesses und die Lebensdauer sowie die Behandlung der Parkinson-Krankheit und anderer neuro-degenerativer Krankheiten wie Demenzen vor.

Wie lassen sich kardiovaskuläre Alterserkrankungen vorbeugen?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland und ihre Entstehung kann durch Faktoren wie Lebensstil einschließlich Ernährung beeinflusst werden. Prof. Dr. Andreas Simm von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg warf in seinem Vortrag einen kritischen Blick auf Ernährungsstrategien zur Prävention kardiovaskulärer Alterserkrankungen.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie wies darauf hin, dass eine ausgewogene Ernährung, wie sie beispielsweise in einer mediterranen Ernährungsweise umgesetzt wird, zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen empfohlen werden kann. Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln lassen hingegen momentan keinen Nutzen erkennen.

Grundsätzlich können Ernährungsempfehlungen nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn neben der „medizinischen“ auch die „soziale“ Bedeutung der Ernährung beachtet wird, betonte Simm.

Weitere Informationen:

Zur Programmübersicht des 56. Wissenschaftlichen Kongresses 2019 in Gießen gelangen Sie hier.

Beachten Sie auch unsere FAQ, häufig gestellte Fragen zu ausgewählten Themenbereichen wie beispielsweise zu veganer Ernährung, Energiezufuhr oder DGE-Leitlinie „Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedinger Krankheiten“.