Antje Gahl: „Die Aussage, dass Bio-Lebensmittel an sich eine krebsrisikosenkende Wirkung haben, ist damit noch nicht bestätigt.“

Die französische NutriNet-Santé-Studie zum Verzehr von Bio-Lebensmitteln hatte Meldungen zur Folge, nach denen der Verzehr von Biolebensmitteln das Krebsrisiko senken würde. Stimmt das?

Die Studie von Baudry et al. (JAMA Intern Med 2018) zeigt die Beobachtung eines um 25 % reduzierten Krebsrisikos bei einem hohen Verzehr von Biolebensmitteln. Kann daraus automatisch auf ein geringeres Krebsrisiko geschlossen werden, wenn nur noch Biolebensmittel verzehrt werden?

Die Ergebnisse der Studie stammen aus einer französischen prospektiven Kohortenstudie, an der knapp 67 000 Erwachsenen teilgenommen hatten. Diese wurden über 5 Jahre hinweg per Internetfragebögen zu ihrem Lebensmittelverzehr und ihrem Gesundheitszustand befragt. Detaillierte Informationen zur Studie finden Sie in der DGEinfo-Ausgabe 03/2019 (PDF)*.

Die Auswertung der Datenerhebung zeigt, dass ein hoher im Vergleich zu einem niedrigeren Verzehr von Biolebensmitteln mit einem geringeren Krebsrisiko verbunden ist. Einzelstudien wie diese können Zusammenhänge aufzeigen, es gibt aber eine Einschränkung: Rückschlüsse auf ursächliche Wirkungen können hiermit nicht getroffen werden.

Antje Gahl, Pressesprecherin der DGE erklärt, warum hier bei den Schlussfolgerungen differenziert werden muss.

DGE-Blog:

Beweist die vorliegende Studie, dass der Verzehr von Bio-Lebensmitteln das Krebsrisiko senkt?

Antje Gahl:

Die Studie liefert Hinweise bezüglich möglicher Wirkungen einer gesundheitsfördernden Ernährung, dazu gehört beispielsweise der Verzehr von Bio-Lebensmitteln. Weitere Untersuchungen werden das vielleicht auch bestätigen. Die Aussage, dass Bio-Lebensmittel an sich eine krebsrisikosenkende Wirkung haben, ist damit noch nicht bestätigt.

DGE-Blog:

Warum nicht, wenn Sie doch gerade einräumen, dass die Studie entsprechende Hinweise liefert?

Antje Gahl:

Zu den Schwächen der Studie gehört die Auswahl der Teilnehmer. Hier kann bereits eine Verzerrung stattgefunden haben, indem vorwiegend Menschen mit gesundheitsbewusster Lebensweise freiwillig daran teilgenommen haben. Die Teilnehmer waren überwiegend weiblich, mit einem hohen Bildungsniveau und einem gesünderen Lebensstil. Diese Faktoren könnten bereits zu einem geringeren Vorkommen von Krebs führen.

Zudem handelte es sich um Selbstangaben und die Nachbeobachtungszeit war relativ kurz, wenn man bedenkt, dass Krebs nicht von heute auf morgen, sondern über viele Jahre bis Jahrzehnte entsteht. Auch wurde nicht untersucht, ob die Belastung der Menschen z. B. mit Pflanzenschutzmitteln bei häufigem Verzehr von Bio-Lebensmitteln tatsächlich geringer war als bei konventionell erzeugten Lebensmitteln.

DGE-Blog:

Raten Sie zu Bio-Lebensmitteln?

Antje Gahl:

Die DGE rät zu einer überwiegend pflanzlichen Ernährungsweise – diese belastet die Umwelt und das Klima weniger als die durchschnittlich übliche Ernährungsweise in Deutschland. Bei der Produktion pflanzlicher Lebensmittel ist der Verbrauch von Ressourcen und der Ausstoß schädlicher Treibhausgase niedriger als bei der Produktion tierischer Lebensmittel. Wer möchte, kann zudem Lebensmittel in Bio-Qualität kaufen.

Der Bio-Landbau berücksichtigt neben den Aspekten des Umweltschutzes auch den Tierschutz. Nach EG-Öko-Verordnung werden Bio-Lebensmittel z. B. ohne chemisch-synthetische Dünger und ohne Pflanzenschutzmittel angebaut. Für die Tiere müssen Standards zur Fütterung und Haltung eingehalten werden. Das EU-Bio-Logo und das staatliche Bio-Siegel helfen bei der Auswahl.

DGE-Blog:

Abschließend würden wir von Ihnen gerne wissen, was ist Ihr Lieblingsessen?

Antje Gahl:

Ich bin ein absoluter Pastafan: Gemüse-Lasagne, Spaghetti aglio olio oder Spaghetti mit Garnelen und Rucola.

DGE-Blog:

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

*Das DGEinfo für Fachkräfte im Ernährungssektor erscheint monatlich als Beilage in der Fachzeitschrift Ernährungs Umschau. Damit informiert die DGE über neue Erkenntnisse, aktuellen Diskussionsstand in Forschung, Wissenschaft und Praxis, bespricht Fachliteratur sowie aktuelle Medien und versorgt Leser*innen mit Nützlichem für den Berufsalltag. DGE-Mitglieder erhalten das DGEinfo zusammen mit der Ernährungs Umschau.

Zur Person: Antje Gahl ist Ernährungswissenschaftlerin und leitet seit 2001 das Referat Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn. Als Pressesprecherin steht sie täglich mit Journalisten und Medien in Kontakt und beantwortet Fragen zu den Empfehlungen der DGE u.a. zu vollwertiger Ernährung, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, verschiedenen Diäten und Ernährungstrends.