Ernährungsprotokoll und Blutproben:
Fokus liegt auf Ernährungsverhalten und Nährstoffversorgung

Insgesamt nahmen an der Vegetarian and Vegan Children and Youth Study (VeChi-Youth-Studie) 401 Kinder und Jugendliche, im Alter von 6 bis unter 19 Jahren, teil. Davon ernährten sich 114 vegan, 150 vegetarisch und 137 mit Mischkost.

PD Dr. Ute Alexy und Dr. Markus Keller untersuchten mit den Daten der Stichprobe den Einfluss der verschiedenen Ernährungsformen auf das Ernährungsverhalten und die Nährstoffversorgung der Studienteilnehmer*innen. Nährstoffe sind die Bestandteile der Nahrung, die entweder Energie liefern wie Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate oder für die Stoffwechselvorgänge im Körper wichtig sind.

VeCHi-Youth-Studie
Im November 2020 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) die Vegetarian and Vegan Children and Youth Study (VeChi-Youth-Studie). Sie liefert erstmals vergleichende Daten zu Lebensmittelverzehr, Nährstoffzufuhr und Nährstoffversorgung von sich vegan, vegetarisch und omnivor ernährenden Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die Studie ist Teil des 14. DGE-Ernährungsberichts.

Einschränkung der Lebensmittelauswahl birgt das Risiko für eine unzureichende Nährstoffversorgung

„Eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Gemüse und Obst kann gesundheitliche Vorteile bieten“, erklärt Dr. Johanna Conrad, Leiterin des Referats Wissenschaft bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE).


„Im Vergleich zur derzeit in Deutschland üblichen Ernährung, mit einem eher hohen Anteil an tierischen Produkten, ist eine pflanzenbetonte Ernährungsform mit einer Risikosenkung gegenüber ernährungsmitbedingten Krankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 oder koronarer Herzkrankheit verbunden.“

Unabhängig von der Ernährungsform ist zu beachten, erklärt Conrad, dass je stärker die Lebensmittelauswahl eingeschränkt wird und je weniger abwechslungsreich gegessen wird, desto größer ist das Risiko einer Nährstoffunterversorgung oder eines Nährstoffmangels. Das betrifft beispielsweise das Vitamin B12.

DGE-Ernährungsbericht
Der im November 2020 erschienene 14. DGE-Ernährungsbericht beinhaltet die Ergebnisse dreier Forschungsvorhaben, die besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen in Deutschland im Fokus haben: die nutritionDay-Auswertung zur Ernährungssituation in Krankenhäusern und Pflegeheimen, die SuSeII-Studie mit Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung und die VeChi-Youth-Studie zum Thema vegetarische Ernährung bei Kindern und Jugendlichen.
Der DGE-Ernährungsbericht schreibt Trendanalysen zum Lebensmittelverbrauch und zur Entwicklung von Übergewicht und Adipositas in Deutschland fort. Zudem enthält er Angaben zur Evidenz für ausgewählte Fragestellungen, wie z. B. Prävention chronischer Erkrankungen durch Ernährung.
Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erarbeitet die DGE den Ernährungsbericht seit 1969.

Bei veganer Ernährung zusätzlich Vitamin B12 einnehmen

Eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B12 ausschließlich aus pflanzlichen Lebensmitteln ist nach heutigen Erkenntnissen nicht möglich. Gute Vitamin-B12-Lieferanten sind Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte sowie Eier und Milchprodukte.

Fallen diese Lebensmittel bei einer veganen Ernährung weg, kann es nach einiger Zeit zu Blutarmut, Gedächtnisschwäche oder Ermüdungserscheinungen kommen. Daher lautet die Empfehlung, bei veganer Ernährungsweise dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einzunehmen.

Kinder und Jugendliche befinden sich noch im körperlichen Wachstum und haben einen hohen Bedarf an bestimmten Nährstoffen. Für Heranwachsende ist das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung bei einer eingeschränkten Lebensmittelauswahl daher noch größer.

Nährstoffzufuhr und -versorgung:
Stichprobe zeigt nur geringe Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen mit verschiedenen Ernährungsweisen
Die Ergebnisse zeigen, dass bei den Studienteilnehmer*innen der VeChi-Youth-Studie sowohl bei veganer und vegetarischer Ernährung als auch bei Mischkost (omnivor) die Zufuhr an Energie und den energieliefernden Nährstoffen sowie den meisten Vitaminen und Mineralstoffen ausreichend ist. Das gilt auch für die Versorgung mit Vitamin B12. Bei Veganer*innen ist dies darauf zurückzuführen, dass 88% – wie empfohlen – supplementieren.
Bei den Veganer*innen war die Kohlenhydrat- und Fettqualität, mit wenig Zucker und gesättigten Fettsäuren, mehr Ballaststoffen und mehrfach ungesättigten Fettsäuren am höchsten. Vor allem der hohe Verzehr von Vollkorn, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen in dieser Gruppe ist nach den Angaben von Conrad besonders hervorzuheben. Für Kinder und Jugendliche lag die mittlere Zufuhr von Ballaststoffen auch bei einer omnivoren Ernährung (Mischkost) mit 12-13 g/1000 kcal über der laut den D‑A‑CH-Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr als realisierbar geltenden Zufuhr von 10 g/1000 kcal.
Bei allen drei Ernährungsformen zeigten sich kritische Werte bei der Versorgung mit Vitamin B2, Vitamin D und Jod sowie bei der Zufuhr von Calcium. So wurden die D-A-CH-Referenzwerte für Calcium von den Vegetarier*innen zu 56,4%, den Veganer*innen zu 45,8% und von den Mischköstler*innen zu 66,6% erreicht. Darüber hinaus wiesen etwa die Hälfte der sich vegan und vegetarisch sowie ca. 40% der sich omnivor (Mischkost) ernährenden Kinder eine Vitamin B2-Konzentration unterhalb des Normbereichs auf und ca. ein Drittel der Proband*innen aller drei Ernährungsformen hatte einen niedrigen Vitamin-D-Status. Zu beachten ist, dass der Vitamin-D-Status hauptsächlich über die Eigensynthese der Haut beeinflusst wird
Bei keiner Ernährungsform wurden die D-A-CH-Referenzwerte für Jod erreicht, wobei Veganer*innen die niedrigsten Werte aufwiesen. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass Veganer*innen in der VeChi-Youth-Studie seltener jodiertes Speisesalz verwendeten.

Population, Generalisierbarkeit, Repräsentativität:
Grenzen und Reichweite der VeChi-Youth-Studie

Die Rekrutierung der Studienteilnehmenden erfolgte unsystematisch u. a. durch Aufrufe in Druckmedien und im Internet. Das könnte bedeuten, dass sich vor allem Personen beteiligt haben, die sich bereits für das Thema Ernährung interessieren.

Ein Blick auf die Anzahl der Studienteilnehmer*innen in den verschiedenen Alters- und Geschlechtergruppen zeigt, dass die Gruppe der 10 bis unter 15-jährigen sich vegetarisch ernährenden Mädchen mit 38 Studienteilnehmenden am stärksten besetzt war. Dagegen nahmen nur acht sich vegan ernährende, männliche Jugendliche im Alter von 15 bis unter 19 Jahre an der Erhebung teil. Conrad weist darauf hin, dass die Ergebnisse daher insgesamt nicht generalisierbar sind:

„Die Ergebnisse der VeChi-Youth-Studie können nicht auf alle Kinder und Jugendliche im selben Alter und gleichen Geschlechts mit jeweils gleicher Ernährungsweise übertragen werden, da die Stichprobe weder repräsentativ für die Gesamtheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland noch für die Untergruppen der sich vegetarisch bzw. vegan Ernährenden ist.“

Dies zeigt auch die Auswertung des sozioökonomischen Status und des Wohnorts, erklärt Conrad weiter. Die Teilnehmenden der VeChi‑Youth‑Studie sind zum überwiegenden Teil einer hohen sozialen Schicht zuzuordnen und leben in einer (Groß-)Stadt.

EsKiMo II
Ausgewogene Ernährung in jungen Jahren ist eine wichtige Voraussetzung für die kindliche Entwicklung – beispielsweise für die körperliche und geistige Leistungs­fähigkeit. Wie es um das Ernährungs­verhalten von Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren in Deut­sch­land steht, wurde im Rahmen der Ernährungsstudie als KiGGS-Modul (EsKiMo II) vertiefend untersucht. Die 2018 veröffentlichten Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche meistens zu wenig Obst und Gemüse sowie Lebensmittel mit einem hohen Anteil an komplexen Kohlenhydraten, wie Vollkornbrot, Getreideprodukte und Kartoffeln essen.
Die Ergebnisse der Ernährungsstudie EsKiMo II über die „Nährstoffversorgung und Rahmenbedingungen des Ernährungsverhaltens bei Kindern“ sind im 14. DGE-Ernährungsbericht veröffentlich worden.

EsKiMo II- und KiGGS-Studie –
vorhandene Daten einbeziehen

Die Lebensmittel- und Nährstoffzufuhr von Heranwachsenden wurde auch in anderen Studien untersucht, deren Proband*innen teilweise repräsentativ ausgewählt wurden, wie z. B. in der „Ernährungsstudie als KiGGS-Modul“ (EsKiMo II‑Studie) als Teil der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS-Studie).

Dabei ist der Anteil sich vegetarisch und vor allem sich vegan ernährender Kinder und Jugendlicher allerdings in der Regel so gering, dass keine geeigneten Aussagen zu diesen Ernährungsformen abgeleitet werden können, erklärt Conrad.

Position zu veganer Ernährung: Updaterecherche zu vulnerablen Personengruppen in 2020

Das Positionspapier der DGE zur veganen Ernährung aus dem Jahr 2016 wurde 2020 im Hinblick auf verschiedene Bevölkerungsgruppen mit besonderem Anspruch an die Nährstoffversorgung, wie Kinder und Jugendliche oder Schwangere, aktualisiert. Das Ergebnis der systematischen Literatursuche war, dass es nur wenige Studien bei vulnerablen Gruppen gibt und diese für eine Beurteilung nicht ausreichen. Die Ergebnisse der VeChi‑Youth‑Studie können die unzureichende Datenlage für sich vegan ernährende Kinder und Jugendliche nur bedingt verbessern. Damit stuft die DGE die Beurteilungsgrundlage weiterhin als unzureichend ein und bleibt bei ihrer Position zur veganen Ernährung:

Eine vegane Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindes- und Jugendalter wird von der DGE aufgrund des erhöhten Risikos für eine Nährstoff­unterversorgung sowie einen Nährstoffmangel und deren teilweise irreversiblen Konse­quenzen weiterhin nicht empfohlen.

„Wer sich vegan ernähren möchte, sollte für eine bedarfsdeckende Ernährung die Versorgung mit den potentiell kritischen Nährstoffen, insbesondere Vitamin B12, sicherstellen“, fügt Conrad hinzu.

Dies kann durch eine gezielte Auswahl an nährstoffdichten und ggf. mit Nährstoffen angereicherten Lebensmitteln und/oder die Einnahme von Nährstoffpräparaten, eine regelmäßige ärztliche Kontrolle sowie eine Beratung durch eine qualifizierte Ernährungsfachkraft sichergestellt werden.

Forschungsbedarf bleibt

Die Leiterin des DGE-Referats Wissenschaft erklärt, dass für wissenschaftlich gesicherte Aussagen über Auswirkungen einer vegetarischen Ernährungsweise mehr Querschnitts- und Längsschnittstudien notwendig sind.

Die Auswahl der Studienpopulation sollte zudem nach Möglichkeit systematisch erfolgen, um beispielsweise sich vegan oder vegetarisch ernährende Kinder und Jugendliche in Deutschland möglichst genau abbilden zu können. Dazu würde u. a. zählen, städtische und ländliche Regionen gleichsam zu berücksichtigen.

Die DGE-Beratungsstandards bieten Fachkräften in der Ernährungsberatung und -therapie fachliche Orientierung und kompaktes Wissen.
„Vegan essen – klug kombinieren und ergänzen“ – der DGE-Flyer steht als PDF hier kostenfrei zum Download bereit.